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Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Donnerstag, 23. April 2020

Kloster Maulbronn | Allgemeines Meisterwerk von 1220: Vor 800 Jahren entstand das „Paradies“ der Klosterkirche

Das „Paradies“, die Vorhalle der Maulbronner Klosterkirche, ist als Meilenstein der Kunstgeschichte berühmt und ein Meisterwerk. Es entstand ziemlich genau vor 800 Jahren. Etwa im Jahr 1220 errichtete ein unbekannter Baumeister dieses Meisterwerk der frühen Gotik in Maulbronn – und erhielt in späterer Zeit danach seinen Namen als „Paradiesbaumeister“. Er schuf damit diesseits des Rheines eines der allerersten Zeugnisse dieses neuen europäischen Baustils, der erst kurz zuvor in Nordfrankreich entstanden war.

FORMVOLLENDETE FRÜHGOTIK

Das Paradies zählt zu den schönsten Räumen der Frühgotik und zu den bedeutendsten architektonischen Zeugnissen in Maulbronn. Da der Name des Baumeisters nicht bekannt ist, erhielt er die Bezeichnung „Paradiesmeister“. Zusammen mit seiner Werkstatt schuf er um 1220 die weiträumige Vorhalle vor dem Portal der Klosterkirche. Waren die Bauten der Romanik, wenige Jahre zuvor entstanden, noch von massiven Wänden und kompakten Pfeilern geprägt, löste sich hier nun alles in ein fein strukturiertes System von Stützen, Kapitellen und Bögen auf. Die Fensteröffnungen werden weit und die Gewölbe scheinen leicht – und die ganze Halle mit ihrem schlanken Kreuzrippengewölbe scheint geradezu von Dynamik beherrscht. Das Paradies ist zugleich einer der ersten Bauten des neuen Stils der Frühgotik diesseits des Rheins und ein Meisterwerk.

 

WAS IST EIN PARADIES?
Paradies nennt man eine Vorhalle vor dem Portal einer mittelalterlichen Kirche. Solche Bauwerke können sich in ihrer Form vielfach unterscheiden. Genutzt wurden sie bei Prozessionen und oft waren sie auch ein Ort des Asyls und boten Verfolgten Schutz. Mancherorts wurden hier direkt vor dem Kirchenportal auch die Geistlichen beerdigt. Vor allem in der englischen Architektur wurden diese Vorhallen zu den „Galilee Chapels“, Galiläa-Kapellen und damit zu ganz eigenen Kapellen. Auch in Maulbronn ist das Paradies keine offene Halle, sondern ein Raum von ganz eigener Wirkung. Ob der Name „Paradies“ daher rührt, dass hier oft die biblische Geschichte von Adam und Eva und ihre Vertreibung aus dem Paradies dargestellt wurden, ist nicht sicher.

 

FRÜHE BAUGESCHICHTE DES KLOSTERS

Kloster Maulbronn wurde 1147/48 gegründet, noch zu Lebzeiten von Bernhard von Clairvaux, der den Zisterzienserorden prägte. Bereits 1178 konnte die neue romanische Klosterkirche geweiht werden. Der Paradiesbaumeister war es auch, der die Ausmaße des neuen Kreuzgangs in gotischen Formen vorgab. Er schuf den südlichen Kreuzgangflügel und jeweils zwei angrenzende Joche des westlichen und östlichen Flügels. Die Entwicklung der gotischen Bauformen lässt sich heute noch vom Kreuzgarten aus bewundern: Früh-, Hoch- und Spätgotik. Ein weiterer markanter Raum entstand ebenfalls unter den Händen des Paradiesbaumeisters, das grandiose Herrenrefektorium. 

 

GEHEIMNISVOLLES HALBMONDMOTIV

An den Konsolsteinen des Paradieses ist das Motiv zweier gegeneinandergestellter Halbmonde zu sehen. Das Motiv kann auch als eine Art Metallzange gelesen werden. Es erscheint mehrfach in Maulbronn und andernorts, beispielsweise in Alpirsbach, an der Klosterruine von Allerheiligen im Schwarzwald, in Walkenried und im Magdeburger Dom. Es könnte sich um ein Baumeisterzeichen handeln, die Häufigkeit des Motivs spricht jedoch dagegen. Ebenfalls unklar ist, ob es sich um ein immer wiederkehrendes Zeichen der gleichen Werkstatt handelt.

 

EINZIGARTIGE ORIGINALE: ROMANISCHE KIRCHENTÜREN
Wenn man in der Paradieshalle steht, blickt man auf die Türen der Kirche. Das Hauptportal und das Südportal der Maulbronner Klosterkirche sind nichts weniger als die ältesten datierbaren Türen Deutschlands. Das zweiflügelige Hauptportal aus Tannenholz gehört zur Originalausstattung der Kirche von 1178. Kunstvolle schmiedeeiserne Beschläge schmücken die Tür. Und sogar der Bezug der Türen aus Pergament, aus ganzen Tierhäuten hat sich zum großen Teil erhalten. Sie waren ursprünglich rot bemalt.

 

Service und Informationen.

Aktuell ist das UNESCO-Denkmal Kloster Maulbronn wie alle Monumente der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg und wie alle Kultureinrichtungen geschlossen.

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