Christus-Johannes-Gruppe, Holz, um 1320, Klosterkirche St. Anna des Klosters Heiligkreuztal; Foto: Markus Schwerer

Gefühle kostbar gestaltet

Die Christus-Johannes-Gruppe

Von der ehemals reichen mittelalterlichen Ausstattung der Klosterkirche hat sich eine echte Rarität erhalten – die Christus-Johannes-Gruppe. Diese Art der innigen Darstellung war besonders in den oberschwäbischen Frauenklöstern ein sehr beliebtes Andachtsmotiv.

Innenansicht des Chorfensters in der Klosterkirche St. Anna des Klosters Heiligkreuztal; Foto: Markus Schwerer

Farbenprächtiger Anblick.

Ein Kunstwerk aus Konstanz?

Die Skulptur aus Nussbaumholz, die Christus und seinen Lieblingsjünger Johannes darstellt, wurde um 1320 geschaffen. Sie entstand möglicherweise in einer Konstanzer Werkstatt, die sich im Umkreis von Meister Heinrich befindet – einem Bildhauer aus Konstanz, der um 1300 mehrere Christus-Johannes-Gruppen gearbeitet hat. Die Heiligkreuztaler Gruppe ist 101 Zentimeter hoch, 65 Zentimeter breit und an ihrer Rückseite ausgehöhlt. Bemerkenswert ist die nach wie vor originale Farbfassung. 

Detail der Christus-Johannes-Gruppe, Holz, um 1320, Klosterkirche St. Anna des Klosters Heiligkreuztal; Foto: Markus Schwerer

Sollte die Gottesliebe beim Betrachter steigern.

Innige Verbundenheit

Beide Figuren tragen mit Goldborten reich verzierte farbige Gewänder. Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, ist etwas kleiner dargestellt und ruht am Herzen seines Meisters. Der Jünger hat seinen inneren Frieden gefunden und sein leicht geöffneter Blick ist in sich gekehrt. Jesus hält ihn sanft umfasst, was ein ergreifendes Gefühl der Geborgenheit und der Zusammengehörigkeit zum Ausdruck bringt. Sogar die Falten beider Gewänder verlaufen im gleichen Schwung und Rhythmus, was das Gefühl der Zusammengehörigkeit noch mehr verstärkt.

Detail der Christus-Johannes-Gruppe, Holz, um 1320, Klosterkirche St. Anna des Klosters Heiligkreuztal; Foto: Markus Schwerer

Innige Verbundenheit zwischen Johannes und Jesus.

Anregung zur Meditation

Andachtsbilder dieser Art werden oft als Johannesminne bezeichnet. Die Darstellung bezieht sich auf die Schilderung des Abendmahls durch den Evangelisten Johannes im Kapitel 13, Vers 23 bis 25: Johannes legt seinen Kopf auf Jesus‘ Brust und dieser reicht ihm die Hand. Besonders beliebt waren Darstellungen dieser Art in Frauenklöstern. Die dargestellte Nähe zwischen Johannes und Christus sollte sich auf die Ordensfrauen übertragen und zur Meditation anregen. 

Nur wenige Darstellungen erhalten

Insgesamt sind nur noch circa 40 Christus-Johannes-Gruppen bekannt und heute auf der ganzen Welt verteilt. Die Kunstwerke stammen überwiegend aus dem alemannisch-schwäbischen Raum. Es ist ein echter Glücksfall, dass die Christus-Johannes-Gruppe von Heiligkreuztal an Ort und Stelle verblieben ist. Ursprünglich wurde die Skulptur in einem Altarschrein aufbewahrt, seit einigen Jahren steht sie für jeden Besucher gut zu sehen in einer gotischen Nische der Chorstirnwand.

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